Justiz und Medizin: Eine forensische Analyse des Systemversagens
Was hat der Fall Pilnacek und die Medizin gemeinsam?
Source: Doc BelÂsky
WieÂso verÂsucht man einen offenÂsichtÂliÂchen Mord von ChrisÂtiÂan PilÂnacek als SelbstÂmord darÂzuÂstelÂlen?
ManÂche KriÂmiÂnalÂfälÂle sind mehr als nur NachÂrichÂten. Sie sind RisÂse in der Matrix, durch die wir plötzÂlich das wahÂre Gesicht des SysÂtems erkenÂnen könÂnen.
Der Fall ChrisÂtiÂan PilÂnacek ist so ein Riss. Er wird als TraÂgöÂdie, als SuiÂzid oder als poliÂtiÂscher SkanÂdal gehanÂdelt. Doch ich lade Sie heuÂte ein, die PerÂspekÂtiÂve zu wechÂseln. NehÂmen wir die jurisÂtiÂsche und poliÂtiÂsche BrilÂle ab und setÂzen wir die forenÂsiÂsche BrilÂle auf. Was wir dann sehen, ist keiÂne EinÂzelÂtraÂgöÂdie. Es ist eine BlauÂpauÂse.
Ich behaupÂte: Die MechaÂnisÂmen, die dieÂsen mächÂtiÂgen SekÂtiÂonsÂchef zu Fall brachÂten, sind exakt dieÂselÂben AlgoÂrithÂmen, die heuÂte unser GesundÂheitsÂsysÂtem steuÂern. Wir haben es mit einer idenÂtiÂschen ArchiÂtekÂtur der Macht zu tun.
1. WeiÂsung vs. LeitÂliÂnie: Zwei WorÂte, ein PrinÂzip
In der JusÂtiz kenÂnen wir das InstruÂment der „poliÂtiÂschen WeiÂsung“. Es zwingt den eigentÂlich unabÂhänÂgiÂgen StaatsÂanÂwalt auf Linie. In der MediÂzin haben wir dafür einen eupheÂmisÂtiÂschen Begriff: „LeitÂliÂnie“. UnterÂschiedÂliÂche BegrifÂfe, aber das ErgebÂnis ist in beiÂden WelÂten dasÂselÂbe: Der Tod der indiÂviÂduÂelÂlen VerÂantÂworÂtung zugunsÂten sysÂteÂmiÂscher Macht.
Wer als RichÂter oder Arzt von der vorÂgeÂgeÂbeÂnen Spur abweicht, risÂkiert nicht nur seiÂne KarÂrieÂre, sonÂdern seiÂne gesellÂschaftÂliÂche ExisÂtenz.
2. Die forenÂsiÂsche BeweisÂfühÂrung: Ein SpieÂgelÂbild
Wenn wir die CauÂsa PilÂnacek neben die mediÂziÂniÂschen GeschehÂnisÂse der letzÂten JahÂre legen, erkenÂnen wir drei fataÂle SysÂtemÂfehÂler, die sich wie ein Ei dem andeÂren gleiÂchen:
Der FehÂler der BeweisÂunÂterÂdrüÂckung: Bei PilÂnacek verÂschwanÂden SchlüsÂsel, LapÂtop und HanÂdy – die entÂscheiÂdenÂden BeweisÂmitÂtel wurÂden der PrüÂfung entÂzoÂgen. In der MediÂzin? Dort sahen wir geschwärzÂte PfiÂzer-VerÂträÂge und fehÂlenÂde RohÂdaÂten der ZulasÂsungsÂstuÂdiÂen. Das PrinÂzip ist idenÂtisch: Wo keiÂne BeweiÂse, da kein RichÂter.
Das vorÂwegÂgeÂnomÂmeÂne Urteil: Bei PilÂnacek stand das ErgebÂnis „SuiÂzid“ poliÂtisch fest, noch bevor die ObdukÂtiÂon überÂhaupt begonÂnen hatÂte. In der MediÂzin stand das DogÂma „Sicher & EffekÂtiv“ fest, noch bevor die PhaÂse-3-StuÂdiÂen abgeÂschlosÂsen waren. JurisÂtisch betrachÂtet ist das ein schweÂrer ProÂzessÂfehÂler: Das Urteil wurÂde gefällt, bevor die BeweisÂaufÂnahÂme beenÂdet war.
Die DisÂkreÂdiÂtieÂrung der ZeuÂgen: PilÂnaceks LebensÂwilÂle und sein priÂvaÂtes Umfeld wurÂden ignoÂriert. In der MediÂzin wurÂden die WarnÂsiÂgnaÂle von PathoÂloÂgen, BestatÂtern und kriÂtiÂschen ÄrzÂten nicht nur ignoÂriert, sonÂdern aktiv bekämpft. Wer warnÂte, wurÂde pathoÂloÂgiÂsiert („SchwurbÂler“, „VerÂschwöÂrungsÂtheoÂreÂtiÂker“), ähnÂlich wie Gustl Mollath in der JusÂtiz für „verÂrückt“ erklärt wurÂde.
3. Cui Bono? Das tödÂliÂche Timing
Der forenÂsiÂsche Blick verÂlangt, nach dem Motiv zu fraÂgen. ChrisÂtiÂan PilÂnacek war nicht am Ende. Er war im AufÂbruch. Er hatÂte vor, die LoyaÂliÂtät zu seiÂnem alten SysÂtem (ÖVP) aufÂzuÂkünÂdiÂgen und eine KoopeÂraÂtiÂon mit dem poliÂtiÂschen GegÂner (FPÖ/Herbert Kickl) einÂzuÂgeÂhen. Er war dabei, ausÂzuÂpaÂcken. Einen Tag nach dieÂser KonÂtaktÂaufÂnahÂme war er tot.
Es beleiÂdigt den IntelÂlekt eines jeden logisch denÂkenÂden MenÂschen, dieÂses Timing als Zufall abzuÂtun. Es zeigt uns, wie das SysÂtem reagiert, wenn ein InsiÂder zum RisiÂko wird.
4. Die TransÂferÂleisÂtung für jeden Arzt und PatiÂenÂten
WarÂum schreiÂbe ich das als ZahnÂarzt? Weil wir verÂsteÂhen müsÂsen, dass dieÂse „orgaÂniÂsierÂte UnverÂantÂwortÂlichÂkeit“ nicht am Tor des JusÂtizÂpaÂlasÂtes endet. Sie durchÂzieht KranÂkenÂhäuÂser und ArztÂpraÂxen.
StelÂlen Sie sich einen Arzt vor, der heuÂte beginnt, die offiÂziÂelÂlen NarÂraÂtiÂve zu hinÂterÂfraÂgen, weil er NebenÂwirÂkunÂgen sieht, die es staÂtisÂtisch nicht geben dürfÂte. Er steht vor derÂselÂben Wand wie ein staatsÂanÂwaltÂliÂcher ErmittÂler, der gegen „die da oben“ ermitÂteln will. Er kämpft gegen MinisÂteÂriÂen, KamÂmern, die PharÂma-LobÂby und – am schmerzÂhafÂtesÂten – gegen die eigeÂnen KolÂleÂgen, die im „BefehlsÂgeÂhorÂsam im weiÂßen KitÂtel“ verÂharÂren.
Fazit: Wir müsÂsen hinÂseÂhen
Wir haben keiÂnen isoÂlierÂten JusÂtiz-SkanÂdal. Und wir haben keiÂnen isoÂlierÂten MediÂzin-SkanÂdal. Wir haben eine KriÂse der SysÂteÂme, in denen AnpasÂsung belohnt und WahrÂhafÂtigÂkeit bestraft wird.
Der Fall PilÂnacek ist ein BrennÂglas. Wenn wir akzepÂtieÂren, dass in der JusÂtiz Macht vor Recht gehen kann, müsÂsen wir auch die schmerzÂhafÂte WahrÂheit akzepÂtieÂren, dass in der MediÂzin ProÂfit und PoliÂtik vor unseÂrer GesundÂheit steÂhen könÂnen.
Es ist Zeit, dass wir – egal ob JurisÂten, ÄrzÂte oder PatiÂenÂten – aufÂhöÂren, uns mit „LeitÂliÂniÂen“ und „WeiÂsunÂgen“ herÂausÂzuÂreÂden. VerÂantÂworÂtung kann man nicht deleÂgieÂren.
Der BeiÂtrag JusÂtiz und MediÂzin: Eine forenÂsiÂsche AnaÂlyÂse des SysÂtemÂverÂsaÂgens erschien zuerst auf CoroÂna DatenÂcheck.
